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Fuerteventura

Explotaciones Betancuria,
                              Ihr Partner an der Westküste.

Fuerteventura

Wir über uns.
Warum wir auf Fuerteventura sind

Warum wir aus Deutschland weg wollten.
Gründe, die Sie vielleicht verstehen.                                                              

Das Suchen nach der Zukunft.
Zuerst mußten wir wissen, was wir wollten.

Das Finden der neuen Heimat.
Nicht nur Planung, auch Zufälle sind wichtig. Oder war es Glück ?

Der Beginn.
Wir haben geglaubt, mehr Nerven sind nie mehr nötig. So kann man sich täuschen.

 

Die folgenden Kapitel sind in Bearbeitung

Die Lehrzeit
Um hier in Fuerteventura anzufangen sollte man fast alles bisher Gelernte vergessen, bis auf die Weisheit “ Do it yourself ”.

Der Umzug
Schnell und schmerzlos

Nerven...Nerven...Nerven...
Stahlseile wären dafür zu schwach gewesen ...

Der Aufbau.
Wie schön das Leben ohne Behörden sein kann

Der Erfolg.
Rückblickend gar nicht so schlecht

Heute, zwischen gestern und morgen.
Wie schön die Erinnerung an das Leben ohne Behörden sein kann.

Die Zukunft.
Einziges genehmigtes Kurbad der Kanarischen Inseln ?

 

Der Fehler

Ich war Geschäftsführer und Teilhaber eines mittelständigen Unternehmens in der Umgebung von München. Dort lernte ich meine Frau Renate kennen. 1971 haben wir geheiratet.
Wir wollten, daß unsere Kinder in einer intakten Umgebung, ohne Beeinträchtigung durch eine verseuchte Umwelt, aufwachsen sollten.
Also verließen wir die Firma und haben 1972 zusammen mit einem befreundeten Ehepaar einen alten Bauernhof in Niederbayern gekauft, wunderschön über einem Marktflecken gelegen. Wir haben mit einem unvorstellbaren Arbeitseinsatz den Hof nach unseren Wünschen ausgebaut, einen eigenen Brunnen gegraben, das umliegende Gelände in einen Park verwandelt, hunderte Meter Hecken gepflanzt, einen kleinen Teich angelegt, einen Tennisplatz und ein Schwimmbad gebaut und so ein wirkliches Paradies geschaffen und unsere Träume verwirklicht.
Wir haben es auf uns genommen, jeden Tag morgens 100 Kilometer nach München auf unsere Baustellen zu fahren und jeden abend wieder zurück. Wir freuten uns dabei auf unsere Familien, auf unseren Hof und auf die Ruhe in Niederbayern.
In dieser Zeit wurden die Kuhweiden, die das Haus weitflächig umgaben, umgepflügt. Mit großen Baumaschinen wurden die kleinen Tümpel zugeschüttet, die mit Haselnüssen und Hagebuttensträuchern bewachsenen Feldraine und Böschungen eben planiert und aus einer lieblichen Bauernlandschaft eine kolchosenhafte Ackerfläche für fast industriellen Maisanbau geschaffen.
Als im ersten Jahr vor der Ansaat der Boden gedüngt wurde, war das kaum sichtbar. Nach drei Jahren war der Boden nach dem Düngen weiß-grau, wie nach frischem Schneefall. Wenn am Anfang pro Sommer zwei Mal gespritzt wurde, war dies nach einigen Jahren fünf Mal der Fall.
Unsere Heckenlandschaft wuchs so, wie wir es uns vorgestellt hatten. Sie wurde zum Vogelparadies, darunter jagten die Igel und im Teich zogen die Karpfen ihre Bahnen.  
Die Maislandschaft um uns war beeindruckend. Keimfrei, ohne ein einziges Unkraut, fast drei Meter hoch, eine gewaltige grüne Wand.
Wenn es geregnet hat, und das tat es sehr oft, zog das Wasser kleine Schluchten zwischen den Stengeln, die Bäche waren tiefbraun von abgeschwemmter Erde, traten immer öfters über ihre Ufer, an den Waldrändern verschwanden die Champignons und die Pfifferlinge und die wilden Himbeeren und Brombeeren fristeten nur noch ein sehr kümmerliches Dasein.
Die erste Brut unserer Rotschwänzchen, gefüttert mit vergifteten Insekten, fiel jedes Jahr tot aus den Nestern, die Nachtigallen, unser ganzer Stolz, waren verschwunden, und unsere Kinder bekamen nach jeder Spritzaktion der Felder Hautausschläge, Asthma und alle möglichen Atemwegserkrankungen.
Im Oktober begann die depressive Zeit, die sogenannte Inversionslage. Monatelang war es annähernd windstill, die Sonne war für uns nur noch sporadisch am Himmel als helle Scheibe im Smog vorhanden, auf den Dächern unserer Autos sahen wir jeden Tag den öligen Niederschlag aus Abgasrückständen und Industrieschmutz, und da wurde meiner Frau und mir die Sache klar.
Wir hatten einen riesigen Fehler gemacht.
Es ist sinnlos Biotope anzulegen, wenn rings herum die Umwelt versaut ist. Es ist nicht möglich eine heile Welt im Kleinen zu bauen. Abgase, Industriegifte und die Sprühnebel der Spritzmaschinen machen nicht Halt vor einem kleinen Paradies, das sich mit fünf Meter hohen Hecken dagegen wehren möchte.
Also begannen wir darüber nachzudenken, was wir eigentlich wollten. Nach einigen Monaten haben wir angefangen, unsere Gedanken in einer Wunschliste, nach Punkten geordnet, aufzuschreiben. Ein Jahr später erschien uns diese Liste komplett. Und danach haben wir angefangen den Platz zu suchen, für den die meisten Punkte zutrafen.

 

Das Suchen

1976 - 1978:
Wir haben zwei Jahre alle nach unserer Meinung in Frage kommenden Orte abgesucht.
Wir haben Informationen gesammelt, sind hingeflogen, haben mit Leuten gesprochen und Punkte vergeben. Wir wollten nicht noch einmal den Fehler machen, emotionell zu entscheiden.
Wenn wir das getan hätten, dann wären wir heute sicher nicht an der Westküste von Fuerteventura.
Herbst 1978:
Südamerika war abgehakt, Australien und Neuseeland waren abgehakt, Skandinavien kam leider nie in Frage, Süditalien war nach einem guten Beginn zu unserem Leidwesen auch abgehakt, die großen Kanareninseln ebenfalls.
Aber da gab es noch Fuerteventura. Zu dieser Zeit wußte kaum jemand etwas von dieser Insel, an der die Welt bis dahin noch nicht haltgemacht hatte.
Am Freitag mit der Lufthansa von Frankfurt nach Gran Canaria und von dort mit der kleinen Fokker am Abend nach Fuerteventura war die einzige Möglichkeit, an einem Tag von Deutschland dorthin zu kommen.
Am Flughafen gab es zwei sehr betagte Taxis. Die Fahrer sprachen nur spanisch, ich nicht. Aber Hotel ist in vielen Sprachen das selbe Wort. Für meinen Fahrer war das einzige Hotel für einen Fremden aus einem anderen Land das Tres Islas in den Dünen von Corralejo. Bei der Fahrt durch Puerto del Rosario, der Hauptstadt, war diese als solche nicht erkennbar. Niedrige Häuser, weitgehend ohne elektrisches Licht, die Straßen ohne Asphalt, mit Müll bedeckt, eine kleine Mole mit der Anlegestelle für ein Schiff.
Es war dunkel, als wir im Hotel ankamen.
Nach der einstündiger Fahrt  durch die Finsternis, über Schotterstraßen und Sandberge umgab mich beim Eintreten in die hell erleuchtete Halle ein wohltuender Hauch von Europa.
Ich wohnte in einem der obersten Stockwerke. Um das Gemäuer tobte der Shirokko, ein heißer Sturm aus Afrika, feine rote Erde von dort drang durch alle Ritzen und selbst das Duschwasser war rot, allerdings wegen des Rostes aus den Leitungen. Es floß aus beiden Hähnen kochendheiß. Die Klimaanlage war außer Betrieb und so wurde die erste Nacht auf Fuerteventura, schwitzend auf einem sandigen Laken in sich miteinander verschlingenden Bettüchern, unvergeßlich.
Der erste Morgen ebenfalls. Von einem fehlenden Stück Gummidichtung der Balkontüre zog sich bis zum Bett eine Sanddüne, etwa 6 cm hoch und ebenso breit, auf der nur noch kleine Kamele fehlten, um an einen Traum zu denken. Außen war nichts zu sehen, alles fahlgelb und dunstig. Ich öffnete die Türe, was sich nachträglich als Fehler herausstellte. Die ordentlich, mit feinen Seitenrippen versehene Düne zerstob augenblicklich und verteilte sich gleichmäßig im Zimmer. Der Blick vom Balkon brachte nicht viel Neues. Es war weder Meer noch Land zu sehen, nur direkt nach unten die sturmgebeugten, zerzausten  Reste von Palmenwipfeln die schemenhaft aus dem Nichts auftauchten.
Fuerteventura war für mich erledigt.
Im Speisesaal funktionierte die Klimaanlage, das Frühstück war ordentlich, die kleine Bar neben der Reception hatte Weltstadtpreise und die Zeitungen in der Boutique waren eine Woche alt. Durch die Scheiben der Eingangshalle sah ich ein Schwimmbad, was mich bei dieser irrsinnigen Hitze sofort zu einem Besuch veranlaßte. Auf dem Weg vom Aufzug dorthin eilte mir dienstbeflissen ein außerordentlich korrekt bekleideter Rezeptionist nach und hängte mir, leise Entschuldigungen oder auch Flüche murmelnd, einen hoteleigenen Bademantel um. Damals hatte man eben noch Stil.
Nachdem mich am Abend ein weiterer Taxifahrer zu irgendeinen Verwandten nach Corralejo gebracht hatte, wo ich in dessen kleiner Bar ausgezeichnet essen konnte während das Taxi vor der Türe wartete, begann die zweite Nacht wie die erste. Bis dann gegen 21 Uhr fast schlagartig Ruhe einkehrte, die fast unheimlich war. Der Wind drehte nach Norden und ich hörte plötzlich ein Meer rauschen, das ich bis dahin noch nicht wahrnehmen konnte.
Am Horizont sah ich die paar trüben Lichter von Corralejo, der Balkon triefte vor Tau und binnen Minuten fiel die Temperatur um sicher 20 Grad, was mich veranlaßte, unter den unverständigen Blicken des Nachtportiers das Hotel zu einem ausgedehnten Spaziergang zu verlassen.
Dünen sind schon tagsüber schlecht begehbar, in der Nacht noch viel schlechter. Ich hängte mir die Schuhe über die Schultern und erreichte das Meer, über mir einen unvorstellbar leuchtenden Sternenhimmel und einen halben Kilometer weiter den Anblick eines weiteren Hotels, welches aus dem Nichts aufgetaucht war.
Fuerteventura wurde mir sympathischer.
Die dumpfe Müdigkeit der letzten 24 Stunden war wie weggeblasen, so daß ich mir nach meiner Rückkehr an der Bar noch ein Glas Bier bestellte. Und dort kam ich mit einem englischen Gentleman ins Gespräch, was noch mehrere Gläser Bier bis früh um zwei Uhr dauerte.   

 

Das Finden

Früh um acht Uhr buchte ich meinen am gleichen Tag geplanten Rückflug um. Um 10 Uhr wartete verabredungsgemäß der bewußte Gentleman am Eingang. Woher er ein fast neues Mercedes - Taxi aufgetrieben hat, weiß ich bis heute nicht.
Er wollte mir den schönsten Platz der Welt zeigen, einen Platz, wie er meinte, der seit Erschaffung der Welt nur auf mich  gewartet hat um zu einem Paradies zu werden.
Nach zwei Stunden Fahrt über Pisten, während ich den Taxifahrer und mich bemitleidete, bogen wir plötzlich auf eine geteerte Straße ein. An derem Ende, nach weiteren sechs Kilometern  durch eine breite Schlucht, erschien die andere Seite der Insel und etwa 500 Meter entfernt von einem kitschig blauen, in einem unglaublich hellen Sonnenlicht leuchtenden Meer, erreichten wir das absolute Nichts.
Abgesehen von ein paar Fundamenten und ein paar Rohbauten einer stilliegenden Baustelle hinter einer riesigen, bunt bemalten Tafel oberhalb des Straßenendes war die Welt zu Ende.
Ich hatte bis dahin noch nie in meinem Leben, vom Nordkap bis in die mittlere Türkei, so viel Nichts gesehen, wie hier. Meine Fassungslosigkeit wurde mir als Ergriffenheit ausgelegt. Ich hörte etwas von einer Prinzessin, die nur wachgeküßt werden muß, wobei mir das damals bei einem Frosch wesentlich realistischer vorgekommen wäre.
Ich bekam eine Telefonnummer, ließ mir auf meiner deutschen Generalkarte den genauen Ort dieses Nichts erklären und hörte auf dem Weg zum Flughafen viele Informationen über fruchtbare Erde, alte Tomatenplantagen, unerschöpfliche Brunnen und vieles andere, was mich neugierig machte. Dies war anscheinend auch der Zweck dieser Fahrt.
Der Gentleman war ein Verkaufsgenie, der mich am Flugplatz verließ, nachdem er mich sehr freundlich nach Las Palmas eingeladen hatte, wo mir alle Unterlagen zur Verfügung stehen würden.
Zurückgekehrt im Hotel besorgte man mir, trotzdem es ein Sonntag war, binnen einer Stunde einen der 10 oder 15 Leihwagen, die es damals auf der Insel gab. Es war ein Abenteuer der neuen Art, mit einem kleinen Fiat, die Landkarte auf den Knien, den Platz wieder zu finden, wo angeblich die Prinzessin wartete. Mir begegnete auf der ganzen Fahrt nicht ein Auto und ich sah vor den Hütten am Wegrand kaum einen Menschen.
Es war gegen Abend, als ich auf einem Berg saß und tief unter mir, wie ein Insekt, den kleinen Fiat am Ende der Asphaltstraße sah.
Geradeaus von links nach rechts war nur das Meer, das, wie ich wußte, irgendwo in Amerika endete, und hinter mir von links nach rechts waren bis zum Horizont weiche, rotbraune, von steilen Schluchten durchzogene Hügel, die sicher seit vielen Millionen Jahren unverändert sind und bei deren Anblick ich auch heute noch an runzelige Elefantenhaut denke.
Bis  dahin habe ich nicht gewußt, wie weit weg man sich von Deutschland fühlen  kann.
Bis dahin habe ich auch nicht gewußt, wie einsam man sein kann und doch irgendwie glücklich.
Heute weiß ich, daß mich in dieser Stunde eine Infektion befallen hat, eine Infektion die viele Menschen erst nach vier Tagen auf dieser Insel bekommen, wenn sie nicht vorher schreiend weggelaufen sind, den sogenannten  Fuerte-Infekt.

Ich zog unsere Liste aus der Tasche und hakte ab.

1.) Unser Platz durfte keinen Winter haben.  O.K.
2.) Unser Platz mußte Wasser haben, was normal ein Widerspruch zu 1.) ist. Angeblich O.K.
3.) Unser Platz durfte weit und breit keine Bodenschätze oder sonst etwas Ausbeutungsfähiges    haben.
4) Wir wollten auch in Zukunft von niemanden “ befreit ” werden. O.K.
5.) Ich wußte, daß ich zumindest den Beginn unseres neuen Lebens mit unserem Geschäft in Deutschland unter ein Dach bringen mußte. Dafür wollte ich nicht jedesmal 18 Stunden im Flugzeug sitzen. Trotzdem sollte unser Platz weit weg von Deutschland sein, einsam, ohne Umweltschäden, aber schnell erreichbar. Auch ein Widerspruch. Aber trotzdemO.K.
6.) Die Eigentumsverhältnisse sollten so sicher sein, daß man darauf einen Generationenplan aufbauen konnte. Mußte überprüft werden, angeblich O.K.
7.) Es sollte die Möglichkeit geben, falls notwendig, auch eigene Kartoffeln anbauen zu können. Ich konnte von meinem Platz auf dem Berg deutlich die großen, alten Feldanlagen mit den Bewässerungsrinnen sehen. Wahrscheinlich O.K.
Die anderen Punkte auf unserer Liste, wie Schule für unsere Kinder, Materialbeschaffung usw. mußten noch geklärt werden.

Der gestrige Staubsturm war vergessen, ebenso die Nächte mit viel Sand im Bett.
Dunkelrot versank die Sonne im Meer. Meine Gefühle damals auf diesem Berg kann ich nicht beschreiben.
Der Abstieg war chaotisch, da mir niemand gesagt hatte, wie schnell es hier abends dunkel wird.
Als ich dann endlich den Fiat erreichte und der Motor ansprang, wurde mir klar, daß man auch zu einem alten Auto ein richtiges, inniges Verhältnis aufbauen kann.
Am übernächsten Tag, nach einer Zwischenübernachtung in Madrid, als ich mittags in München aus dem Flugzeug ausgestiegen war, im Gedränge am Gepäckband, bei der Zollabfertigung, im Stau auf der B 12, wurde mir endgültig klar, daß diese Welt nicht mehr meine Welt war.
Meine Welt war die unendliche Weite die ich gesehen hatte, meine Welt war dieses unglaublich helle Licht über dem Meer, das mich geblendet hat, meine Welt war diese unbeschreibliche Ruhe, die ich auf dieser Insel gefühlt habe.
Alle wichtigen Punkte auf unserer Liste waren abgehakt. Es waren fast zu viele Punkte, besonders die, welche in sich widersprüchlich waren.
Wir wußten, daß wir für einen weiteren Fehler zu alt waren. 
Über acht  Monate haben wir danach diesen Platz untersucht. Wir haben Wasserproben aus den tatsächlich vorhandenen Brunnen genommen, haben Pumpversuche gemacht, wir haben 30 kg Erde durch den Münchner Zoll am Flughafen gebracht und in Labors analysieren lassen. Wir haben in unserem Treibhaus Versuche mit Ansaat und Aufzucht von Pflanzen auf diesem Boden gemacht. Wir waren mehrmals in Las Palmas und fanden eine mustergültige Planung und Feinvermessung des Geländes vor. Jede der Parzellen fanden wir im Grundbuch lastenfrei eingetragen.
Während der Aufenthalte im Gelände, im schwarzen Sand in den Buchten und auf den heißen Klippen am Meer verschwanden meine körperlichen Beschwerden, die mich über 10 Jahre, nach einem schweren Unfall, geplagt hatten. Ich konnte plötzlich wieder den Kopf drehen, mit einer Hand ein großes Weinglas halten und schmerzfrei über die Felsen klettern. Es war fast eine Wiedergeburt.
Im Mai 1979 gründeten wir eine spanische Gesellschaft, da wir damals noch als Ausländer keine großen Grundstücke kaufen durften und im Sommer waren wir Eigentümer einer angefangenen Baustelle und ein paar Parzellen steinigen Landes am Ende der Welt.

 

Der Beginn

Herbst 1979
Zur Firmengründung haben wir einen spanischen Strohmann  benötigt, seines Amtes zugelassener Hoteldirektor, der, was bis heute eine ausgesprochene Seltenheit auf Fuerteventura ist, perfekt englisch sprach. Er lebte damals erst 20 Jahre auf Fuerteventura, kam ursprünglich von Gran Canaria, und war dadurch natürlich welterfahren. Außerdem war er, wie er glaubhaft versicherte, ein ausgesprochenes Organisationstalent, kannte angeblich alle Leute und hatte viele Amigos, anscheinend ebenfalls sehr wichtig für unser geplantes, zukünftiges Dasein auf dieser Insel.
Außerdem hatte er ein eigenes Telefon, was damals eher selten war auf Fuerteventura.
Er arbeitete vorher schon viele Jahre mit unserem Verkäufer, dem englischen Gentleman, zusammen und wurde uns von diesem wärmstens empfohlen.
Wir haben ihn als freien Mitarbeiter als Sekretär unserer Firma, mit dem Gehalt eines Direktors, eingestellt. Daß er Whisky trank, wie andere Leute Wasser, wußten wir damals nicht  Seine Leber sollte ihn 10 Jahre später endgültig im Stich lassen.
Jorge, wie er hieß, benötigte erst einmal ein Auto, ein standesgemäßes. Wir sind praktisch veranlagt, und so kauften wir in Las Palmas einen kleinen, nicht sehr standesgemäßen aber ungemein praktischen japanischen Minibus, was er mit sehr viel Selbstmitleid zur Kenntnis nahm.
Im  September, nach einer langen Besprechung auf Fuerteventura und  der Auffüllung unseres Firmenkontos  meinte er,  die vier in Bau befindlichen Appartements auf unserer Baustelle bis zum Ende des Jahres ganz locker fertigstellen zu lassen.
Im Laufe der folgenden Monate telefonierten wir viel miteinander. Meistens ging es um die Neuauffüllung unseres Kontos. Unser Minibus hatte anscheinend den Benzinverbrauch eines Rennwagens, das besorgte Material wurde fast zum Goldpreis besorgt und die Amigos hatten, so wie uns Jorge schilderte, Löhne von Industriemanagern. Ansonsten endete er immer mit. “ Mr. Swerens, all is wonderfull, all is O.K., we are nearly ready.”
Am Abend des 2. Januars 1980 kamen wir mit unseren beiden Kindern, Carsten, 8 Jahre  und Torsten, 5 Jahre, in Fuerteventura an. Es war stockdunkel und für uns bei 19 Grad angenehm warm.  Jorge war tatsächlich pünktlich am Flughafen,  wir bestiegen unseren Minibus, der in der Zwischenzeit schon einige Beulen bekommen hatte und in dem Jorge die Heizung auf volle Kraft gestellt hatte. Er fror wie ein Schneider, es war schließlich auch mitten im Winter.
Er meinte, für heute wäre es zu spät um auf die Baustelle zu fahren. Er hätte uns ein Zimmer im einzigen Hotel von Puerto del Rosario bestellt. Das Hotel war sehr hoch und sehr konservativ. Wir wurden im 5. Stock einquartiert und hatten einen wunderbaren Blick von oben auf die dunkle Stadt und die hell beleuchtete Hafenmole. Es war sehr romantisch.
Die Tapeten waren mit Büroklammern festgemacht, aber die Porzellan - Badewanne funktionierte und auch der uralte, riesige Waschtisch hatte Wasser. Die Betten waren mit den landesüblichen “ Trampolingittern ” versehen, auf denen sich über einer sehr dünnen, sehr weichen Schaumstoffmatratze die gebräuchlichen, kunstvoll mit einander verbundenen drei weißen Laken spannten. Für eine Nacht sollte die Sache auszuhalten sein.
Am nächsten Morgen sah die Stadt von oben wie eine Ruinenlandschaft aus. Außer einigen Fassaden zur Straßenseite war keine Mauer verputzt, und hinter den Fassaden war meistens nur eine Ansammlung  von zimmergroßen, ebenerdigen Bauwerken, die meisten ohne Dach.
Das Frühstück bestand pro Person aus vier runden, sehr staubigen Keksen. Dazu gab es eine Kanne heißes, rötliches Wasser, in welches Milchpulver eingerührt wurde, was eine dezente rosa Tönung ergab. In die entstandene, etwas klebrige Soße wurde dann noch ein braunes Pulver  aufgelöst. Der Kellner meinte, dieses Arrangement wäre ein Internationales Frühstück mit Cafe con leche, was unser Wörterbuch als Milchkaffe übersetzte.
Mit Jorge, der uns wie verabredet um 10 Uhr abholte, wollten wir erst einmal Geschirr kaufen, da wir uns kein weiteres internationales Frühstück zumuten wollten. Nach der Begrüßung gab er uns sehr dezent, mit seiner üblichen Leidensmiene und einem entsprechenden Hinweis auf sein Privatleben, zu verstehen, daß es Sonntag war. Wir hatten das total vergessen.Trotzdem erklärte er sich bereit, da wir seine Amigos wären, mit uns in unser neues Heim zu fahren.
Wir luden unsere Koffer und die mit Umzugsgut gefüllten Kartons in unseren Minibus.  Die Tankanzeige war auf Reserve und am Sonntag war die einzige Tankstelle innerhalb von 50 Kilometern Umkreis nicht geöffnet. Ich dachte an die vielen bezahlten Benzinrechnungen der letzten Monate, aber Jorge beruhigte mich mit dem Hinweis, der Minibus würde sehr wenig Benzin verbrauchen. Also fuhren wir los.
Auf dem Weg über die Schotterpisten  meinte er, daß mit der Fertigstellung eines Appartements alles wundervoll funktioniert hätte, bis auf ein paar Kleinigkeiten. Ich fragte ihn, was mit der Fertigstellung der anderen drei Appartements wäre, worauf er wortreich ausführte, das würde bis zur nächsten Woche dauern und eine Wohnung mit zwei Schlafzimmern wäre zum Wohnen für vier  Leute doch weit ausreichend. In Erinnerung an die letzte Nacht in unserem Hotelzimmer mußte ich ihm zustimmen.
Wir kamen um die letzte Kurve und  warteten gespannt auf den Anblick von vier zweistöckig übereinander gebauten Appartements, von denen wir die zwei oberen bewohnen wollten und die beiden unteren für zukünftige Arbeitsurlaube von Freunden vorgesehen hatten. Darunter war noch ein Geschoß, in welchen wir das Materiallager und die Werkstatt einrichten wollten.
Die zur Straße hin zeigende Wand der ersten beiden Appartements und des Lagerraums war dreigeschossig leuchtend weiß gestrichen. Zugegeben, es war ein atemberaubender Anblick in dieser Wüste. Alles andere war nicht so atemberaubend, dunkelgrau verputzt.
Die Haustüre der ersten Obergeschoßwohnung war ohne Schloß, dieses war ausgebaut worden, um ein neues mit Schlüsseln zu besorgen, da die Schlüssel des ersten Schlosses weg waren. Mañana  sollte es sicher da sein, zusammen  mit den fehlenden Haustüren und Fenstern für die anderen drei Wohnungen. Innen waren die Wände dunkelgrau, maana sollte der Maler kommen. Das Bad war installiert, die Böden gefliest, die Fenster waren eingebaut, der Blick vom Balkon aufs Meer umwerfend.
Jorge war sehr stolz auf seine Organisation.
Die im September ausgesuchten  Möbel sollten schon vor drei Wochen gekommen sein, ebenso die Küche. Jorge war “ not amused ” und erzählte etwas von den sehr  unzuverlässigen Leuten auf dieser Insel, womit er bis heute völlig Recht hatte. Meine Hoffnung auf  ein normales Frühstück für den nächsten Tag sank sehr tief.
Renate schaute fassungslos, die Kinder tobten im Gelände.
Ich dreht den Wasserhahn im Bad auf und es passierte nichts. Jorge war völlig überrascht, da der besprochene Hochwasserspeicher angeblich schon seit langem fertig war. Dieser entpuppte sich als ein oben offener, gemauerter Kasten mit zwei mal drei Metern, etwa einen Meter hoch, der majestätisch in einem Schutthang etwas überhalb der Wohnungen stand. Von dort führte in vielen Kurven ein anscheinend woanders ausgebautes, verzinktes Rohr über das Geröll in das Geschoß unterhalb der ersten Wohnung, wo es irgendwo in der Decke verschwand.
Der gemauerte Kasten war innen trocken wie die Wüste Gobi, was Jorge sehr erstaunte, da er schon vor einem Monat den Auftrag zum Füllen mit Wasser gegeben hatte. Er betrachtete dies wieder  als Beweis dafür, wie unendlich unzuverlässig die Leute auf dieser Insel wären und daß man sich wirklich auf niemanden verlassen könne, außer auf ihn, denn er stammte ja aus Gran Canaria.
Nach eine Rundgang durch die anderen drei Wohnungen mußte ich zugeben, daß diese in der
Zeit seit September immerhin auch innen verputzt waren und eine davon sogar gefliest.
Jorge strahlte und wollte gelobt werden.
Meine Einwände wischte er beiseite und erklärte, daß alles wie vereinbart nächste Woche fertig wäre. Vereinbart und telefonisch bestätigt war die Fertigstellung für Anfang Dezember, da nach Jorges Aussage im September, in der Zeit von Weihnachten bis Mitte Januar auf Fuerteventura niemand arbeiten würde.
Das einzige, was mich nun noch störte, waren etwa 20 Ziegen, welche die Wohnungen bevölkerten und dies anscheinend auch rechtmäßig fanden. Auf jeden Fall weigerten sie sich, ins Freie zu gehen.
Jorge meinte, die intelligenten Tiere würden nur tagsüber in den Wohnungen sein, wenn die Sonne scheint und sie Siesta hätten. Abends wären sie immer draußen beim Fressen.
Ich konnte mir zwar nicht vorstellen, wo diese Tiere was zum Fressen finden, nachdem ich nur mit Steinen bedeckte Erde sah, mir war es aber auch egal. Ich wollte nur, wenn möglich, auch einmal tagsüber ohne Ziegen in der Wohnung sein. Außerdem hatten wir vor, Bäume und Sträucher zu pflanzen, für die Ziegen sicher Delikatessen. Jorge versicherte, die Ziegenhirten wären seine Amigo’s und er würde mit ihnen sprechen.
Wir wollten Jorge’s aufopferndes Wesen nicht über die Maßen beanspruchen und fuhren wieder zurück ins Hotel, nachdem wir die mit Material gefüllten Kartons ins Untergeschoß gebracht hatten. Laut Jorge gab es auf der Insel keine Diebe. Dies war einmal eine Auskunft von ihm, die richtig war und sich noch viele Jahre bestätigten sollte.
Er vergaß nur zu sagen, daß eine fuerteventuranische Westküstenziege für einen Wellpappe - Karton meilenweit läuft.
Wir wußten das auch erst am nächsten Tag.
Die zweite richtige Auskunft  war die Sache mit der Weihnachtsruhe. Da hatte Jorge auch Recht behalten.
Wir haben eine Woche auf den Möbelverkäufer, den Schreiner, den Schlosser und den Wasserfahrer gewartet. Alle sollten immer morgen ganz sicher kommen. Gekommen ist niemand.
Jorge besorgte uns Draht, einen Hammer und Nägel, um die Sachen aus unseren aufgefressenen Kartons an die Decke zu hängen. Die Überreste von  nur teilweise verzehrten Wäschestücken haben wir freiwillig den Ziegen gegeben.
Wir hatten nun genügend Zeit, im Minibus über die Insel zu fahren, bis  Corralejo und Gran Tarajal, für uns ein echtes Abenteuer. Wir hatten wirklich das Gefühl, in einer anderen Welt zu sein. In einer Welt, wo es kein einziges Verkehrsschild gab und Vorfahrtsregelungen unbekannt waren, da sich die wenigen Autobesitzer kannten und jeweils wußten, wo der andere gerade war.
In einer Welt, wo jedes Auto bei jedem Fußgänger gehalten hat um ihn mitzunehmen, auch wenn es schon total überladen war, und wo man selbstverständlich in jedem Haus frisches Wasser angeboten bekam und wahrscheinlich auch etwas zum Essen, wenn man danach gefragt hätte.
Da spielten die Trampolinbetten und  das Hotelfrühstück keine so große Rolle mehr. Irgendwie war es schön.
Am schönsten waren die Abende, an denen wir bei Sommertemperaturen auf unserer Baustelle saßen, das  Essen aus dem Papier mit den Ziegen teilten und das Wasser aus  Flaschen tranken.
Die Abende, an denen die Sonne in einem unwirklichen Farbenspiel zwischen den Wolken im Meer versank, während die Dunkelheit vom Osten  über die noch rot angehauchten Elefanten-hautberge kroch und wir wußten, daß in Deutschland bitterkalter Winter war.
Nach einer Woche flogen wir dorthin zurück, obwohl Jorge fest zugesagt hatte, daß maana alles fertig wäre.
Ich wollte einen Monat später alleine wiederkommen, möglichst mit einem deutschen Bauleiter, der auch spanisch sprechen sollte.
Wir wußten nicht, daß das Abenteuer erst beginnen sollte.